Details zur Publikation:

Autor(en):  

Hansueli Schöchli

Herausgeber:  

Gastbeitrag von freischaffendem Journalisten

Publikationsdatum:  

4. Mai 2026

Der Urnengang von diesem Juni wird ein Gradmesser der Stimmung im Land zu Bevölkerungsdichte und Einwanderung. Laut der Forschung kann eine hohe Dichte die Produktivität der Volkswirtschaft fördern. Der Preis sind Zusatzkosten etwa in Form von Lärm und Staus. Die grossen Schweizer Agglomerationen liegen gemessen an der Dichte im europäischen Mittelfeld.

Verfasser: Hansueli Schöchli, freischaffender Journalist

Ist das Boot bald voll? Das glauben die Urheber der Volksinitiative zur „10-Millionen-Schweiz“, über welche die Schweizer im Juni abstimmen. Im Jahr 1900 lebten rund 3,3 Millionen Menschen in der Schweiz. Seit damals hat sich die Landesbevölkerung fast verdreifacht – auf gut 9,1 Millionen Ende 2025. Überschreitet die ständige Wohnbevölkerung vor 2050 die 10-Millionen-Marke, sind laut der Inititiative Gegenmassnahmen verlangt. Die auffälligste Forderung für das genannte Szenario: Die Schweiz müsste das Abkommen mit der EU zur Personenfreizügigkeit kündigen, wenn andere Massnahmen nicht genügen. Gemäss dem mittleren Bevölkerungsszenario der Bundesstatistiker könnte die Schweiz etwa 2040 die 10-Millionen-Grenze überschreiten.

Die Personenfreizügigkeit Schweiz-EU gilt seit 2002. Seit dann ist die ständige Wohnbevölkerung des Landes im Durchschnitt um knapp 1 Prozent gewachsen. Das Wachstum war damit prozentual gleich stark wie im Mittel seit 1900, doch in absoluten Zahlen war die Zunahme in den letzten Jahrzehnten mit etwa 80 000 Personen pro Jahr deutlich grösser. Rund 80 Prozent der Bevölkerungszunahme seit 2002 gehen auf das Konto der Nettoeinwanderung. Die Verpackung der Initiative mit dem 10-Millionen-Schwellenwert zielt nicht nur auf Überfremdungsängste der Bürger, sondern auch auf das vielzitierte Gefühl des „Dichtestresses“. Zu den gängigen Stichworten zählen etwa Wohnungsknappheit, überfüllte Züge, hohe Preise, gefühlte Enge, Lärm und Staus.

Mehr Innovation und mehr Stress

Trotz solcher Klagen über den Dichtestress zieht es die Menschen oft an die dichten Orte: in die grossen Städte und Agglomerationen. In Agglomerationen wie Zürich und Genf ist es schwieriger, eine Wohnung zu finden als etwa im Jura oder Appenzell. Denn Metropolen bieten viele Gelegenheiten: Arbeitsplätze, Dienstleistungen, dichte Kontaktnetze, vielseitiges Unterhaltungsprogramm, kurze Pendelwege.

Aus wirtschaftlicher Sicht sind laut der internationalen Forschung Agglomerationen traditionell Treiber von Innovationen und Wohlstand. Die hohe Dichte von Unternehmen und Fachkräften fördert Lerneffekte (Wissens-Spillover) und erleichtert den Findungsprozess am Arbeitsmarkt sowie bei den Lieferketten. Wenn Historiker den Entwicklungsgrad der Volkswirtschaften verschiedener Weltregionen im Altertum oder Mittelalter abschätzen, gilt die Grösse der Städte oft als bedeutender Indikator.

Eine grössere Bevölkerung erlaubt zudem die Aufteilung der Kosten gewisser öffentlicher Güter auf mehr Personen. So braucht zum Beispiel eine 10-Millionen-Schweiz nicht eine doppelt so teure Armee wie eine 5-Millionen-Schweiz. Bei Infrastrukturen wie etwa dem öffentlichen Verkehr ist das Bild weniger eindeutig: Ist die Infrastruktur nicht voll ausgelastet, senkt eine Bevölkerungszunahme typischerweise die Kosten pro Einwohner, doch ab einer gewissen Schwelle sind Zusatzinvestitionen nötig.

Die internationale Forschung zur Ökonomie von Agglomerationen ist vielfältig. Eine Überblicksarbeit von 2022 im „Journal of Economic Surveys“ durch vier niederländische Forscher über fast 300 Studien schätzt folgenden typischen Zusammenhang: Eine Verdoppelung der Bevölkerungsdichte erhöht die wirtschaftliche Produktivität im Mittel um etwa 1,5 bis 4 Prozent. Eine Überblicksarbeit von 2019 durch zwei Forscher der London School of Economics nennt auf der das Basis von 180 analysierten Studien Dichtevorteile wie etwa höhere Löhne, mehr Innovation, kürzere Verkehrswege, höhere Konsumvielfalt, günstigere öffentlicher Dienstleistungen und tiefere Energiekosten. Zu den genannten Dichtenachteilen zählen unter anderem höhere Umweltverschmutzung, höhere Baukosten, mehr Stau, und tieferes Wohlbefinden. Den Saldo schätzen die Autoren insgesamt als positiv ein.

Wo liegt das Optimum?

Doch mehr Dichte ist längst nicht immer besser. Die internationale Forschung lässt mutmassen, dass es bei der Bevölkerungsdichte von Agglomerationen ein Optimum geben mag. „Mit zunehmender Dichte nimmt der zusätzliche Produktivitätsnutzen tendenziell ab, während die zusätzlichen Dichtekosten tendenziell wachsen“ sagt Maximilian von Ehrlich, Professor für regionale und internationale Ökonomie an der Universität Bern. Doch wo liegt die optimale Dichte – und ist die Schweiz eher links oder rechts von diesem Punkt? Dies lässt sich laut von Ehrlich nicht pauschal sagen.

So lange es weiterhin viele Leute in die Städte und Agglomerationen drängt, scheint der Nutzen der Dichte dieser Metropolen höher zu liegen als die Kosten. Dies zumindest aus der Sicht der Zuzüger. Für die schon Ansässigen kann die Rechnung anders aussehen – wenn die externen Kosten eines weiteren Bevölkerungswachstums etwa in Form von mehr Staus über dem Nutzen des zusätzlichen Innovationspotenzials liegen. Schlüssig messen lässt sich der Saldo indes kaum.

Im Wohnungsmarkt hat in den Schweizer Metropolen in den letzten Jahren das Angebot mit der steigenden Nachfrage nicht Schritt gehalten. Dies führte zu höheren Preisen und damit zu einer Umverteilung von Mietern und Neukäufern zugunsten von bisherigen Land- und Wohneigentümern. Faktisch zahlen viele Zuzüger in den Metropolen eine Art Zuzügerabgabe, wie von Ehrlich betont. Dies wegen des gespaltenen Wohnungsmarkts mit den hohen Preisunterschieden zwischen Neumieten und Bestandesmieten. In den grösseren Agglomerationen sind Preisunterschiede über 10 Prozent häufig. Das Extrembeispiel liefert Genf mit durchschnittlichen Preisdifferenzen von etwa 50 Prozent.

Im europäischen Mittelfeld

Das Optimum bei der Bevölkerungsdichte muss nicht überall das Gleiche sein. Beeinflussende Faktoren sind unter anderem das Tempo des Bevölkerungswachstums und (zum Teil damit zusammenhängend) die Qualität der Infrastruktur. Dennoch mögen internationale Vergleiche gewisse Hinweise liefern. Da die Dichtestress-Klagen vor allem die Metropolen betreffen, seien hier grosse Agglomerationen betrachtet. Vergleiche dazu erlaubt zum Beispiel die jährlich herausgegebene Zusammenstellung des amerikanischen Instituts Demographia. Die jüngste Auflage (für 2025) erfasst weltweit knapp 1000 Agglomerationen mit jeweils mindestens 500 000 Einwohnern. Massgebend für die Abgrenzung zwischen den Metropolen und dem Umland ist hier nicht die Grenzziehung der politischen Gemeinden, sondern die Zusammengehörigkeit eines Wirtschaftsraum etwa anhand von Pendlerströmen und sozialem Austausch.

Die genauen Zahlen sind mit Vorsicht zu geniessen, da die Abgrenzungen Unsicherheiten enthalten. Klar wird aber: Die dichtesten Agglomerationen sind bei weitem nicht die reichsten. An der Spitze der Dichte stehen Metropolen in Somalia, Bangladesch und Kongo mit jeweils über 30 000 Einwohner pro Quadratkilometer. Städte wie Mumbai in Indien, Hyderabad in Pakistan und Hongkong liegen zwischen 20 000 und 30 000 Bewohner pro Quadratkilometer.

Deutlich tiefer ist die Dichte westeuropäischer Agglomerationen. London und Wien zählen hier mit über 6000 Einwohnern pro Quadratkilometer zu den dichtesten Metropolen. Die grossen Schweizer Agglomerationen liegen gemessen an der Dichte mit 2700 bis 3700 Einwohnern pro Quadratkilometer im europäischen Mittelfeld (vgl. Grafik 1).

In der Spitzengruppe steht die Schweiz im europäischen Vergleich beim prozentualen Wachstum der Gesamtbevölkerung – mit einer Zunahme von rund 24 Prozent seit 2002. In Westeuropa übertrafen dies nur Luxemburg und Irland (vgl. Grafik 2). In vergleichbaren Ländern wie Belgien, Niederlande und Österreich legte die Bevölkerung um jeweils 11 bis 14 Prozent zu.

Ist die Bevölkerung in der Schweiz „zu stark“ gewachsen? Auch dazu wagt Wirtschaftsprofessor Maximilian von Ehrlich keine schlüssige Antwort. Seine Botschaft: Die Antwort könne letztlich nur das Verhalten der Leute am Markt und an der Urne geben.

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